Sicherer Umgang mit der eigenen Ausrüstung

Sicherer Umgang mit der eigenen Ausrüstung

Materialversagen kündigt sich nicht an – das versagt unter Umständen einfach so!

Raus aus dem Kletterwald zur PSAgA-Unterweisung wie sie von der DGUV gefordert wird

ODER: warum Vorschriften und Paragrafen niemals jahrelange Erfahrung ersetzen können

Wenn ich heute als Trainer für persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) vor Gruppen stehe, blicke ich auf einen Weg zurück, der vor knapp 25 Jahren begann.
Damals allerdings nicht in Industrieanlagen oder auf Arbeitsbühnen, sondern in Bäumen.
Alles fing mit erlebnispädagogischen Aktivitäten an:

  • Schulklassen,
  • Seile,
  • Mutproben,
  • persönliche Entwicklung

und die simple Idee, Menschen sicher in die Höhe zu begleiten und wieder zurück auf den Boden zu bringen. Es war definitiv ein spannender Weg bis heute, der mich im Prinzip nur auf das vorbereitet hat, was ich heute tue.

Simon Kletterwald Wetzlar 2006 - 2021

„Alles hat ein Ende nur die Wurscht hat zwei! Und dann wurde der Kletterwald in 2021 komplett zurückgebaut.
Der Wald ging kaputt, die Luft war raus und das Genehmigungsverfahren rund um die Verlängerung des Pachtvertrags
war einfach zu ungewiss, weil keiner – außer mir – eine klare Entscheidung treffen wollte. Aus heutiger Sicht würde ich sagen:
Zum Glück ist es so gekommen! Neuer Weg – Neues Glück!“

Betrieb Kletterwald und Unterweisungen in der Industrie – Wie das zusammenpasst?

Arbeitsschutzgesetz, Betriebssicherheitsverordnung und Vorschriften der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung – kurz DGUV.
Die Versicherung der Berufsgenossenschaft, die im Schadenfall zwar erst mal zahlt, aber dann wie jede andere Versicherung auch mal genauer hinschaut, ob auch alles mit rechten Dingen abgelaufen ist. Achso: und am Ende geht es wie immer nur ums Geld! Wo kommt es her? und wie bekommt man es zurück?

Technische Regeln, Normen und Vorschriften geben uns ja eigentlich im Arbeitsschutz einen klaren Rahmen vor.
Was hier allerdings stört ist das kleine Wort „eigentlich“!

Denn Abstürze, Beinaheunfälle und Materialversagen halten sich nicht an Paragraphen. Sie passieren scheinbar aus dem Nichts heraus – und fast immer dort, wo vorher jemand dachte:

  • „Das hält heute nochmal.“
  • „Das haben wir doch schon immer so gemacht!“ oder
  • „Das machen wir eben noch schnell…“

Bandschlingen mit Defekt

„Man könnte vermuten, dass das vielleicht nochmal zum Einsatz kommt. Aber hoffentlich nicht!
Solch scheinbar kleine Beschädigungen sind definitiv eine Beschädigung, die eine Sollbruchstelle darstellen.
Das Material hält bei Weitem nicht mehr das, für was es gemacht wurde. Also weg damit!“

Wer kennt es nicht? „Halt mal mein Bier…“

An Geschichten die mit „halt mal mein Bier!“ beginnen, erinnert man sich meist noch sehr lange dran. Allerdings sind die Kollateralschäden, die mit ihnen einhergehen, oft sehr hoch angesetzt.
Die Lernkurve ist oftmals steil, denn Schmerz ist ja bekanntlich einer der besten Lehrmeister – so Mister Miyagi aus Karate-Kid.

Der Blick nach 15 Jahren Kletterwald wird schärfer!

Und auch bei mir entwickelte sich das Bewusstsein für einen noch schärferen Blick beim Thema Sicherheit über die Jahre. Im Betrieb meines Kletterwaldes von 2006 bis 2020 brachten wir im Team rund 220.000 Menschen sicher in die luftigen Höhen der Bäume beim Klettern und in den meisten Fällen auch sicher wieder herunter. Wir installierten Seilelemente, Seilbahnen und Parcours – mit dem Wissen, den Materialien und den Methoden, die uns damals zur Verfügung standen. Haben unsere Arbeit aber auch über die Jahre immer weiter entwickelt.

  • Fortbildungen bei verschiedenen Anbietern,
  • eine Hochseilgarten-Trainer-Ausbildung und
  • ein Lehrgang für behelfsmäßige Bergrettung an der Outdoor-Schule in Süddeutschland prägten diese Zeit.

Getreu dem Motto:“survival of the fittest.“ Was übrigens nicht bedeutet, dass der Stärkste überlebt, sondern der, der sich stets weiterentwickelt und anpassen kann!

„Wir hatten ja nichts!“ – Außer dem Drang sich stets zu optimieren

Sicherung mit Abseilachter vs. Lory, RIG, Sirius und Co.

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich vieles mit anderen Augen. Damals sicherten wir uns mit Abseilachtern, ATCs oder Tubern, oft nur mit einem Prusik als zusätzlicher Hintersicherung, damit der Abseilvorgang dann einsetzte, wenn es der Kletterer auch wirklich wollte. In den Bäumen arbeiteten wir mit Reepschnur als Anschlagpunkt, weil wir nichts anderes hatten – oder vielleicht auch nichts anderes kannten. Bandschlingen wurden aus Meterware von der Rolle selbst geknotet, beschädigte Stellen mit dem Heißschneider herausgeschnitten und mit einem Bandschlingenknoten „repariert“.

Petzl Grillon im Einsatz bei der Arbeit

„Wo früher Abseilachter und Tuber ihren Dienst taten – hintersichert mit einem Prusik aus Reepschnur,
benutze ich heute das passende Equipment. Mal abgesehen davon, dass die Teilnehmer von PSAgA Unterweisungen
im Anschluss auch konfektioniertes Material verwenden, das Normen entsprechen muss.
Waghalsiges Klettern nach gut dünken, ist hier nicht Programm!“

Vielleicht hatten wir einfach Glück…

Und ja: Zum Glück hat alles funktioniert. Oder vielleicht auch deswegen, weil man sich vorher mal Gedanken gemacht hatte.

Aber funktionieren heißt nicht automatisch auch gleich sicher.

  • Viele Jahre später gibt es den Kletterwald aus guten Gründen nicht mehr,
  • es gab eine Phase der Neuorientierung und
  • inzwischen bin ich tätig als PSAgA-Trainer…

Mit dem alten Material ins Labor nach Bremerhaven

Vor einiger Zeit auf den Reisen durchs Land habe ich genau dieses alte Material erneut in die Hand genommen, ins Auto gepackt und auf dem Weg über Bremerhaven die Bandschlingen von damals im Labor kontrolliert zerrissen. Gemeinsam mit den Experten Andre Kallweit und Carsten Klünder stellten wir ein paar technische, wenngleich nüchterne Fragen:

  • Wo liegt die reale Schwachstelle eines Verbindungsmittels?
  • Ist es mein Bandschlingenknoten auf den ich immer vertraute?
  • Reißt das Material aufgrund des Alters?
  • Oder gibt vielleicht sogar die Vernähung den Geist auf, weil durch das Nahtbild das Material geschwächt ist?

Bandschlinge Petzl

Durch die verschiedenen Kontakte aus der Zeit von Kletterwaldbau und Co. entstand über Jahre ein sehr gutes Netzwerk mit höchst kompetenten Experten. Auch die sind zum Glück immer wieder neugierig und wollen Wissen und Erfahrung sammeln, um diese dann im Austausch auch wieder weiterzugeben.

Fragen über Fragen – oder: Wie drei Experten Lichts ins Dunkle bringen

Uns fielen an einem Vormittag im Labor einige Seile, Bandschlingen und Karabiner in die Hände, deren Ende als Arbeitsmittel vorprogrammiert war und denen ein Leben als Anschauungsmaterial bevorstand.

Unsere Annahmen waren klar:

  1. Knoten reduzieren die Bruchlast,
  2. Nähte sind potenzielle Versagenspunkte,
  3. das Material selbst hat definierte Grenzwerte.

Wir hatten vor den Versuchen mit dem Bandschlingenmaterial das eine und andere Seil mit diversen Knoten am Ende einer nicht ganz zerstörungsfreien Prüfung unterzogen.

Dabei war überwiegend das Seil im Knoten der Acht gerissen – durch Quetschung, lokale Überlastung und ungünstige Kraftverteilung.
Allerdings auch bei Werten von 1,8 bis knapp 2 Tonnen Zugkraft. Also alles im Rahmen. Oder wie man als Kletterwaldbetreiber sagte: im grünen Bereich…

Achterknoten schlecht geknotet

„Bei den zahlreichen Versuchen hat es wenig Unterschied gemacht, ob der Knoten sauber oder unsauber gelegt war.
Das ist viel entscheidender für das spätere Wiederöffnen beim „normalen“ Gebrauch. Da geht dann in der Tat der sauber
geknotete viel besser auf…“

Rissprüfung Achterknoten

„Der Unterschied zwischen „gut“ und „schlecht“ geknotetem Achterknoten war für eine spezifische Aussage
nicht wirklich signifikant. Dieser hat immerhin knapp 18,6kN gehalten. Das Seil ist innerhalb des Knoten gerissen.“

Damals war der Bandschlingenknoten die Lösung

Bei den Bandschlingen jedoch zeigte sich ein anderes, deutlich ernüchterndes Bild: Viel instabiler als der Knoten den wir alle drei höchst kritisch einstuften, waren kleine, nicht beachtete Beschädigungen an der Bandkante die Ursache dafür, dass das Material deutlich früher versagte als erwartet.

Beschädigte Bandschlinge

„Nur wenn man genau hinschaut, sieht man die leichte Beschädigung an der Bandkante.
Diese wirkte im Versuch, wie eine Sollbruchstelle. An dieser riss dann auch am Ende die Bandschlinge durch.
Der Knoten hat ausreichend Stabilität bewiesen. Für mich hat das gezeigt, dass genaues Hinschauen Leben retten kann!“

Schlüsselmoment nach zahlreichen Versuchen

Diese Erkenntnis war für mich ein Schlüsselmoment.

Ich bin aktuell deutschlandweit als PSAgA-Trainer unterwegs und identifiziere mich hin und wieder auch als Höhenarbeiter.

Mein Blick auf Material, Risiko und Verantwortung ist nach zahlreichen Versuchen im Labor der Firma Tecklenborg in Bremerhaven ein völlig anderer.
Nicht, weil wir früher leichtsinnig waren, sondern weil sich Wissen und Möglichkeiten bei mir weiterentwickelt haben.
Hingen wir früher mit Reepschnur, Abseilachter und Prusik im Baum, setze ich heute auf Positionierung mit entsprechender Ausrüstung und Falldämpfer als Redundanz – sollte das tragende System, zum Beispiel an einer scharfen Kante, versagen.

Bandschlingenknoten

„Wie sich unschwer erkennen lässt: der Knoten ist noch intakt, während die Schlinge an der Stelle mit
der Beschädigung an der Bandkante gerissen ist. Also genau hinschauen und im Zweifel aussortieren.“

Erfolg ist kein Zustand, sondern ein stetiger Prozess – Sicherheit auch!

Sich fachlich, wie persönlich weiterzuentwickeln ist mir über die letzten Jahre noch klarer geworden.
Und genau das ist der Punkt: Sicherheit ist genau wie Erfolg: kein Zustand der einmal irgendwann eintritt!
Das ist ein Prozess, der immer weiter beobachtet, entwickelt und stetig angefeuert werden muss!

Deshalb ist mir ein Thema besonders wichtig: die tägliche Sicht- und Funktionskontrolle der persönlichen Schutzausrüstung. Ja, sie ist in den DGUV-Vorschriften klar beschrieben und Teil der Mitwirkungspflicht der Beschäftigten. Aber für mich geht es um mehr als das Rumreiten auf Paragrafen, deren trockene Theorie meist auch keinen interessiert.

Es geht um Eigenverantwortung, um soziale Verantwortung gegenüber den Kollegen und denen, die zuhause auf dich warten.

Mit anderen Worten: Es geht um den einfachen Wunsch, nach der Arbeit wieder gesund und aus eigener Kraft nach Hause zu kommen.

Labor bei Tecklenborg

„Schon sehr imposant und auch für schwere Lasten geeignet. Die beiden Hydraulikstempel in der „Streckbank“ bei Firma Tecklenborg in Bremerhaven.
Während der kleine Stempel links lediglich 70 Tonnen schafft, kann sein großer Bruder rechts daneben immerhin 700 Tonnen.
Damit kann man arbeiten. Für die Versuche die wir hier ausgeführt haben, hat der kleine Hydraulikstempel gereicht.
Selbst bei Experimenten mit Lastaufnahmemitteln, war bei den Versuchen bei maximal 15 Tonnen Schluss.“

Eigenverantwortung, weil zuhause jemand wartet

Und wenn das P in PSA sogar für Pool, anstatt für persönlich steht, dann ist eine Kontrolle der Ausrüstung VOR und NACH dem Einsatz unumgänglich. Wir tragen Verantwortung für uns selbst und gleichzeitig für unsere Kollegen. Beim Klettern gilt immer das 4-Augen-Prinzip.
Oder wie wir scherzhaft beim „Buddy-Check“ zu sagen pflegen: “Partnercheck, sonst Partner weg!“

Ein kurzer Blick auf Bandkanten, Nähte, Funktion der Karabiner und ordentlichem Zustand der Verbindungsmittel kann Leben retten.
Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch. Auch hier liegt der Erfolg im TUN.

PSAgA Anwender Simon

„Sofern sich zwischen den oftmals weit im Voraus geplanten Unterweisungen die Chance ergibt, bin ich immer
gerne auf Baustellen unterwegs. Ob als Anwender von PSAgA oder im Seil als Höhenarbeiter. Hier kann man so viel wertvolles Wissen mitnehmen
und dann in Seminaren und Unterweisungen wieder weitergeben…“

Aus der Praxis für die Praxis

Meine Erfahrungen aus der Erlebnispädagogik, aus dem Betrieb des Kletterwald und aus der heutigen Arbeit im Arbeitsschutz fließen genau hier zusammen.
Ich möchte dieses Wissen weitergeben – praxisnah, ehrlich und ohne Angst zu machen. Deswegen bin ich neben den zahlreichen Trainings auch immer wieder gerne mit den Kollegen im Seil und auf Baustellen unterwegs.

„Aus der Praxis für die Praxis“ – ist ein Motto von mir.

Denn Arbeit lässt sich sicher gestalten. Nämlich genau dann, wenn wir bereit sind, hinzusehen, dazuzulernen und bei einem Defekt mal lieber früher aussortieren. Jeder einzelne muss Verantwortung für sich selbst und gleichzeitig auch für seine Kollegen übernehmen.
Arbeitsschutz ist ja nicht der Schutz vor der Arbeit an sich, sondern vor den Gefahren und Risiken, die auf der Arbeit lauern.
Ziel des Arbeitsschutzes ist es ja uns vor den Gefahren der Arbeit mit ihren Risiken und vor Berufskrankheiten präventiv zu schützen.

Unterweisungen mit Leben füllen

Mein Anspruch ist es heute, Technik, Regeln und Erfahrung zusammenzubringen. Zahlen, Daten, Fakten und Normen mit realen Geschichten zu verbinden. Unterweisungen mit Anschauungsmaterial, das eine Geschichte erzählen kann, mit Leben zu füllen.

Nicht um Angst zu erzeugen, das wäre sicher der falsche Weg – sondern um Bewusstsein für eigenverantwortliches Handeln zu schaffen.

Denn sichere Arbeit entsteht nicht durch Glück. Sie entsteht durch Hinschauen, Verstehen und Handeln.

Und außerdem können wir bei dem anstehenden Fachkräftemangel jeden Kollegen gebrauchen.

  • Der sichere Umgang mit dem Material,
  • die Sensibilisierung für die Gefahren und auch
  • ein Bewusstsein für Verantwortung zu schaffen

all das lässt sich in Unterweisungen sehr spannend vermitteln.

Du brauchst Unterstützung bei Deiner PSAgA-Unterweisung?
>>> Schau mal hier vorbei (hier klicken)

 

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